Warum dein Kontext wichtiger ist als das neueste Modell
Warum dein Kontext wichtiger ist als das neueste KI-Modell und wie du ihn in einfachen Markdown-Dateien sammelst, die jede KI lesen kann und dir gehören.
Gerade ist mit Claude Sonnet 5 wieder ein neues Modell erschienen: nah an der Qualität des Top-Modells, aber deutlich günstiger. Solche Sprünge kommen inzwischen im Wochentakt. Die eigentliche Frage ist nicht, welches Modell heute vorne liegt. Sondern: Was davon ist wirklich dein Vorteil?
Das Modell ist austauschbar, dein Kontext nicht
Ein KI-Modell ist gut. Richtig nützlich wird es aber erst durch alles, was es über dich weiß: deine Projekte, deine Arbeitsweise, wie du schreibst, was du schon entschieden hast. Genau dieser Kontext macht aus einer allgemeinen KI deine KI.
Und hier liegt der Fehler: All dieses Wissen steckt fest in einer einzigen App. Es ist, als würdest du ein Jahr lang die perfekte Assistenz einarbeiten. Kündigt sie, geht alles, was sie über dich gelernt hat, mit aus der Tür.
Wenn dein ganzer Kontext in einem Anbieter gefangen ist, sitzt du fest. Kommt ein besseres oder günstigeres Modell, kannst du nicht einfach wechseln, ohne wieder bei null anzufangen.
Die Lösung heißt Portable Context
Portable Context bedeutet: Du hältst dein Wissen nicht in einer App fest, sondern in einfachen Dateien auf deinem eigenen Gerät. Konkret sind das Markdown-Dateien: schlichte Textdateien mit der Endung .md, die jede KI lesen kann, egal welches Modell oder welcher Anbieter dahintersteht.
Manche nennen das ein "zweites Gehirn" für deine KI. Der Kern ist simpel: Dein Kontext gehört dir und liegt bei dir, nicht beim Anbieter.
Das gibt dir drei Dinge zurück:
- Unabhängigkeit. Fällt Claude mal aus oder wird ein anderes Tool in etwas besser, nimmst du deine Dateien und ziehst um. In Sekunden, nicht in Wochen.
- Kein Wiederholen. Du musst dich nie wieder neu erklären. Die KI liest deinen Kontext und ist sofort im Bild.
- Startklar für Neues. Erscheint ein neues Modell wie Sonnet 5, bist du in dem Moment bereit, in dem es live geht. Datei rein, loslegen.
Es gibt auch eingebaute Anweisungen direkt in Claude
Claude hat dafür eine eigene, native Funktion. Klick unten links auf deinen Namen, dann auf Einstellungen, dort findest du ein Feld für Anweisungen an Claude. Was dort steht, gilt für jedes neue Gespräch, auf allen Plänen inklusive Free. Zusätzlich gibt es projektspezifische Anweisungen, die nur innerhalb eines einzelnen Projekts wirken.
Das ist ein guter, schneller Einstieg, hat aber einen Haken: Diese Anweisungen bleiben in Claude. Wechselst du zu einem anderen Anbieter oder nutzt parallel ein zweites Tool, fängst du dort wieder bei null an. Genau das löst der Ansatz mit einer eigenen Datei, die dir gehört und die du überallhin mitnimmst.
Am sinnvollsten ist die Kombination aus beidem: die eingebauten Anweisungen für schnelle, Claude-spezifische Vorlieben, deine eigene Kontext-Datei für alles, was dauerhaft und anbieterunabhängig bei dir bleiben soll.
Was gehört in so eine Datei
Du brauchst kein System und keine Technik. Fang mit dem an, was du sowieso ständig wiederholst. Ein paar Beispiele, die sich lohnen:
- Über dich / dein Projekt: Wer bist du, was machst du, für wen. Womit arbeitest du gerade.
- Dein Stil: Wie du schreibst und sprichst. Was du nie sagst. Wie locker oder sachlich es sein soll.
- Deine Regeln: Wiederkehrende Vorgaben. "Antworte immer auf Deutsch." "Halte dich kurz." "Frag nach, bevor du etwas löschst."
- Entscheidungen: Was schon festgelegt ist, damit du es nicht jedes Mal neu erklärst.
Eine Datei, ein Thema. Lieber mehrere kleine als eine riesige. Und ganz oben in jeder Datei ein Satz, worum es geht.
So legst du deine erste Datei an
- Öffne einen ganz normalen Texteditor oder direkt deine KI.
- Erstelle eine Datei, zum Beispiel
ueber-mich.md. - Schreib in einfachen Sätzen auf, was die KI über dich wissen soll. Keine Technik, keine Formatierung nötig, Stichpunkte reichen.
- Beim nächsten Mal gibst du der KI diese Datei mit an die Hand, bevor du deine eigentliche Frage stellst.
Das war es im Kern schon. Du kannst die KI sogar bitten, dir beim Aufschreiben zu helfen: "Stell mir Fragen zu meiner Arbeit und meinem Stil und fass die Antworten in einer Markdown-Datei zusammen."
Noch gründlicher: das Interview-Prompt
Eine eigene Kontext-Datei reicht schon, aber es geht noch einen Schritt weiter. Statt selbst zu formulieren, lässt du dich von Claude interviewen: 40 Fragen, eine nach der anderen, du antwortest einfach. Am Ende schreibt Claude direkt die fertige Markdown-Datei für dich, bereit zum Hochladen in dein Projekt.
Was das Interview abdeckt:
- wer du bist und für wen du arbeitest
- wie du arbeitest und welche Tools du täglich nutzt
- wie du schreibst, was du nie sagst und was typisch für dich ist
- was du von Claude brauchst und was Claude niemals tun soll
- was gute Arbeit für dich bedeutet und wie ein guter Output aussieht
So gehst du vor:
- Kopiere den Prompt unten komplett.
- Öffne einen neuen Claude-Chat außerhalb deines Projekts.
- Füge den Prompt ein und starte das Interview. Claude stellt dir eine Frage nach der anderen.
- Sind alle 40 Fragen beantwortet, erstellt Claude automatisch die Markdown-Datei.
- Lade diese Datei in dein Claude-Projekt hoch. Ab sofort kennt Claude dich.
Du führst ein strukturiertes Interview mit mir, um eine persönliche Kontext-Datei zu erstellen. Diese Datei werde ich am Ende in meinem Claude-Projekt hinterlegen, damit du mich bei jeder neuen Unterhaltung direkt kennst, ohne dass ich mich jedes Mal neu erklären muss.
Das Interview funktioniert so:
- Du stellst mir immer genau eine Frage auf einmal.
- Du wartest auf meine Antwort, bevor du die nächste Frage stellst.
- Wenn meine Antwort zu vage ist, hakst du einmal nach und bittest um ein konkretes Beispiel.
- Du fragst nicht mehrere Dinge gleichzeitig.
- Du kommentierst meine Antworten nicht ausführlich, sondern bestätigst kurz und gehst weiter.
- Gesamtzahl der Fragen: 40.
- Am Ende erstellst du eine vollständige Markdown-Datei mit allem was du erfahren hast.
BEREICH 1: WER ICH BIN (Fragen 1–6)
1. Wie heißt du, und womit verdienst du dein Geld?
2. Für wen arbeitest du oder mit wem arbeitest du zusammen? Wer ist deine Zielgruppe?
3. Was ist das eine Ding, das dich in deinem Bereich auszeichnet?
4. Was ist deine größte Baustelle gerade?
5. Was motiviert dich wirklich bei dem was du tust? Nicht die Antwort die du geben würdest wenn jemand zuschaut, sondern die echte.
6. Gibt es etwas das du über dich weißt, das andere oft falsch einschätzen?
BEREICH 2: WIE ICH ARBEITE (Fragen 7–13)
7. Was sind die drei Aufgaben die du am häufigsten mit Claude erledigst?
8. Womit arbeitest du täglich? Welche Tools, Plattformen, Programme?
9. In welchen Themenfeldern oder Branchen bewegst du dich? Welche Fachbegriffe gehören zu deinem Alltag?
10. Wie entwickelst du Ideen? Brauchst du Optionen zum Auswählen, oder willst du eine klare Empfehlung?
11. Wie triffst du Entscheidungen? Eher schnell aus dem Bauch oder langsam und durchdacht?
12. Arbeitest du lieber in einem Rutsch durch, oder in kurzen Blöcken?
13. Hast du bestimmte Abläufe oder Strukturen bei denen du immer gleich vorgehst?
BEREICH 3: WIE ICH KOMMUNIZIERE UND SCHREIBE (Fragen 14–23)
14. Duzt oder siezt du in deinen Texten? Und wie soll Claude mit dir reden?
15. Wie würdest du deinen eigenen Schreibstil beschreiben?
16. Schreib mir spontan zwei oder drei Sätze über irgendetwas das dir gerade durch den Kopf geht. Einfach drauflos, nicht nachdenken.
17. Welche Wörter oder Formulierungen gehen bei dir gar nicht? Sowohl in deinen eigenen Texten als auch in dem was Claude produziert.
18. Gibt es Wörter oder Sätze die typisch für dich sind und die du immer wieder benutzt?
19. Wie lang sollen Sätze bei dir sein? Eher kurz und knapp, oder darf es auch mal länger werden?
20. Schreibst du mit oder ohne Ausrufezeichen, Emojis, Gedankenstrichen?
21. Was magst du an Texten von anderen die du liest? Was fällt dir positiv auf?
22. Was nervt dich sofort wenn du einen Text liest?
23. Wenn du jemandem etwas erklärst: eher viele Details oder lieber das Wesentliche knapp?
BEREICH 4: WAS ICH VON CLAUDE BRAUCHE (Fragen 24–33)
24. Was hat Claude bisher wirklich gut für dich gemacht? Nenn ein konkretes Beispiel.
25. Was hat Claude bisher schlecht gemacht oder was hat dich gestört? Nenn ein konkretes Beispiel.
26. Was soll Claude niemals tun, auch wenn du es vielleicht selbst nicht direkt sagst?
27. Soll Claude widersprechen wenn er denkt dass etwas nicht stimmt? Oder lieber Optionen zeigen ohne zu werten?
28. Magst du kurze knappe Antworten oder ausführliche Erklärungen?
29. Willst du immer wissen warum Claude etwas so macht wie er es macht, oder reicht dir das Ergebnis?
30. Wie soll Claude reagieren wenn du mit einem Ergebnis nicht zufrieden bist?
31. Gibt es ein Format oder eine Struktur bei der du denkst "so will ich das immer haben"? Zum Beispiel mit Listen, mit Überschriften, als Fließtext?
32. Gibt es Themen oder Bereiche bei denen du willst dass Claude besonders vorsichtig ist oder nachfragt bevor er loslegt?
33. Was ist der Unterschied zwischen einer Antwort die dir hilft und einer die du einfach weiterklickst?
BEREICH 5: WAS GUTE ARBEIT FÜR MICH BEDEUTET (Fragen 34–40)
34. Wann bist du mit einem Text, einem Ergebnis oder einem Projekt wirklich zufrieden? Was muss stimmen?
35. Was ist das schlechteste Ergebnis das du je von einem KI-Tool bekommen hast? Was war konkret falsch daran?
36. Nenn mir das beste Ergebnis das du je von einem KI-Tool bekommen hast. Was hat es so gut gemacht?
37. Was unterscheidet für dich einen mittelmäßigen Output von einem guten?
38. Gibt es einen Output-Typ bei dem Claude immer einen zweiten Entwurf liefern soll, damit du auswählen kannst?
39. Wie viel Eigeninitiative soll Claude zeigen? Soll er Vorschläge machen die du nicht explizit angefragt hast, oder lieber nur das tun was du sagst?
40. Zum Abschluss: Was soll Claude über dich wissen, das ich bis jetzt noch nicht gefragt habe?
Wenn du alle 40 Fragen gestellt und meine Antworten bekommen hast, erstellst du ohne Kommentar direkt eine vollständige Markdown-Datei mit folgendem Aufbau:
# Mein persönlicher Kontext
## Wer ich bin
## Wie ich arbeite
## Mein Schreib- und Kommunikationsstil
## Wie Claude mit mir arbeiten soll
## Was gute Arbeit für mich bedeutet
## Feste Regeln für jeden Output
Die Datei soll so geschrieben sein als würde ich sie selbst über mich schreiben. Kein Bericht über mich, sondern direkte Informationen für Claude. Klar, konkret, kein Fülltext.
Fang jetzt an. Stelle mir Frage 1.
Die Vorlage zum Kopieren
So kann eine erste Kontext-Datei aussehen. Ersetze die Platzhalter durch deine eigenen Angaben und speichere sie als .md-Datei.
# Über mich und meine Arbeit
## Wer ich bin
- [Name / Rolle, z.B. "Selbstständige Grafikerin"]
- [woran ich gerade arbeite]
- [für wen / welche Zielgruppe]
## Mein Stil
- [wie ich schreibe, z.B. "locker, direkt, kurze Sätze"]
- [was ich nie will, z.B. "keine Buzzwords, keine Ausrufezeichen"]
## Meine Regeln für die KI
- Antworte immer auf Deutsch.
- [weitere feste Vorgabe]
- [weitere feste Vorgabe]
## Schon entschieden
- [Dinge, die feststehen und die ich nicht jedes Mal neu erklären will]
Für ein Projekt funktioniert dieselbe Struktur: oben das Thema, darunter die wichtigsten Fakten, Regeln und Entscheidungen. Und wenn du aus solchen Dateien feste, wiederverwendbare Anleitungen machen willst, ist der nächste Schritt der Guide zu Claude Skills.
Zurück zu den Grundlagen geht es im Claude Einsteiger-Guide.
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